Archiv der Kategorie 'Lauras* Texte'

Belastungen und Entlastungen politischen Schreibens – Fragmente

Zwischen Widerstandsstrategie und dem ‚feministischen Burnout‘
Neulich hatte ich ein tatsächlich nettes Smalltalkgespräch à la ‚Was machst du eigentlich sonst so?‘; erschreckenderweise fielen mir nur Verpflichtungen ein: Lohnarbeit, Beziehungsarbeit, Reproduktionsarbeit, politische Arbeit. Ähm, und wo bin ich da gleich nochmal…?
Auf dem Zettel an der Wand steht geschrieben: „abschließen bis Jahresende: Zimmer auf-/umräumen, Bürokratiescheiß, Arbeit dokumentieren, SystemUpdate, Festival-Reflexionen“. Abgehakt nur ein Teilpunkt von Bürokratiescheiß. Daneben der Zettel mit „Jahresend/-anfang Sozialstress“ und ca. 20 Namen von Personen, die ich noch treffen will. Unmöglich. Das Bad ist noch nicht geputzt, der Rucksack noch nicht gepackt, die Bücher stapeln sich, mal wieder keinen Plan, was die Nachrichten so sagen.
Also mal wieder viel zu viel vorgenommen. Und viele Verpflichtungen, die mir schwerfallen zu reduzieren. (mehr…)

Queere Elternschaft* & Familie* im Politkontext: (Festival-) Reflexion #6

Gewidmet allen, die emanzipatorisch-politische Ansprüche verfolgen – mit freundlichen Grüßen an die feministischen und linksradikalen Szenen.
Hello Family*, this is for you! <3

Edit: Wie im Titel schon anklingt, liegt der Fokus hier auf Familie* im Sinne von ‚Erwachsene, die Verantwortung für Kinder übernehmen‘ – natürlich muss Familie* nicht heißen, dass (selbst in die Welt gesetzte, adoptierte, Pflege-, Stief- oder anderweitig verbandelte) Kinder dabei sein müssen. Ob verwandt, verschwägert oder nichts davon, zusammen aufgewachsen oder nicht, mehrere Generation umfassend oder nicht – Familien* sind ganz unterschiedlich. Was die besonderen Herausforderungen angeht, gibt es vermutlich strukturelle Überschneidungen zwischen Eltern* und anderen Menschen, die sich um (phasenweise, dauerhaft, altersbedingt, …) pflegebürftige Angehörige kümmern; Genaueres dazu bleibe ich euch hier allerdings schuldig. [thx@L für den – unfreiwilligen – Hinweis…]

Körperliche/reproduktive Selbstbestimmung und (fehlende?) feministische Solidarität
Ob „My Body, My Choice“ oder „Mein Bauch gehört mir“: Der Kampf um Selbstbestimmung in Sachen Körper und Lebensgestaltung war von Anfang an zentraler Aspekt feministischer Politik und das Recht auf Schwangerschaftsabbruch stand und steht dabei zurecht im Fokus. Um sich für die Legalität und gesellschaftliche Akzeptanz von Schwangerschaftsabbrüchen sowie gegen den ‚Imperativ der Mutterschaft‘ einzusetzen, braucht es entschlossene Nachdrücklichkeit. Dabei kann aber der Eindruck geweckt werden, dass ‚Freiheit zur Entscheidung‘ automatisch ‚Entscheidung gegen Schwangerschaft/Elternschaft‘ bedeutet; seltener finden sich innerhalb feministischer Strukturen explizit Hinweise darauf, dass ein Kampf für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch UND die Entscheidung für eine eigene Schwangerschaft/Elternschaft wunderbar miteinander vereinbar sind:
„Don‘t say ‚your body, your choice‘ when you really mean ‚your body, your choice … unless it’s not the same as my choice, in which case fuck you, your body and your choice‘. (mehr…)

Offener Brief/Antwortvorlage an weiße Autor_innen und Verlage

Leider empfiehlt es sich auch 2014 noch, eine Antwortvorlage für weiße Autor_innen und Verlage parat zu haben, die in allen möglichen und unmöglichen Zusammenhängen in Büchern und Texten das N-Wort verwenden. Ich habe mir eine solche nun zugelegt. Wann immer nötig, kann ich als Mindestreaktion jetzt immerhin darauf zurückgreifen…:

Liebe_r Autor_in/Lieber [Soundso-]Verlag, (mehr…)

Offener Brief an feministische Frauen-/Mädchen-Projekte

Aus aktuellem Anlass habe ich eine Rückmeldung an ein feministisches Frauen/Mädchen-Projekt verfasst, da mich der dort entstandene Ausschluss von trans*Perspektiven und -Personen sehr betroffen gemacht hat. Ich gehe davon aus, dass diese Überlegungen leider auch auf andere, ähnliche Gruppe und Konzepte zutreffen und stelle den anonymisierten Text daher als offenen Brief hier ein.
[Siehe zum Thema auch den Post „(Festival-) Reflexionen #1: Trans* in queerfeministischen Räumen“]

Liebes [feministisches Frauen/Mädchen-Projekt].

Ich habe kürzlich an einer eurer Veranstaltungen teilgenommen und habe mir dadurch zwangsläufig Gedanken über den Ausschluss von trans*Personen durch euer Konzept gemacht. Ich bin selbst nicht trans*, weiß aber von mehreren trans*Personen, dass euer Konzept für sie mit Aussschlusserfahrungen verbunden ist; (mehr…)

Doyçe Einheit?

Fehlende Zusammenhänge: Erinnerungen an eine weiße deutsche Kindheit in den 1990er Jahren…

Anfang der 90er: ein weißes deutsches Kindergartenkind steht in einer Lichterkette gegen „Ausländerfeindlichkeit“;
ihr Wissen über die Hintergründe wird sich für viele Jahre auf das Lied „Neue Brücken“ von PuR beschränken (womit der Musiklehrer noch am meisten politische Bildung an der Schule betrieben hat);
in ihrem Alltag hört sie täglich türkisch – mit dem kleinen Jungen in ihrem Haus übt sie im Hinterhof deutsch;
in den Fotoalben (Kindergarten, Grundschule) ist jeder dritte Name türkisch – die Erzieher_innen und Lehrer_innen sprechen deutsch;
Fotoalbum Gymnasium: die türkischen Namen unter den Bildern sind verschwunden;
sie lernt hier Englisch und Französisch. Französische Revolution und Bill of Rights. Wirtschaftswunder und die deutsche Wiedervereinigung;
an einer Bushaltestelle steht „kein mensch ist illegal“ – was das wohl heißen soll? …

… und späte Einsichten

Langsam ergeben sich Zusammenhänge …
An der Universität beschäftigt sie sich mit dem selektiven Bildungssystem Deutschlands … (manche brauchen eben 10, 20 Jahre länger als andere, um es zu durchschauen); auf einer Demo wird der Polizei entgegnet „Wo wart ihr in Rostock?!“ … Sie liest „Deutschland Schwarz weiß“, hört von der „Integrationsdebatte“, dem NSU und Refugee Protesten, macht desillusionierende Erfahrungen in der Sozialwesenarbeit und bekommt persönliche Geschichtsstunden rund um Proteste in der Türkei (u.a. OccupyGezi) … bis ihr schließlich klar wird, dass sie kaum etwas über deutsch-türkische und nichts über türkische Geschichte weiß und trotz der Allgegenwärtigkeit dieser Sprache in ihrer Biographie kein Wort Türkisch gelernt hat – ganz zu schweigen von all den anderen Sprachen, die täglich in Deutschland gesprochenen werden und deren geschichtlich-politischen Zusammenhängen.

Und damit ist sie leider, aber sicher, nicht alleine. Höchste Zeit also, diese eingeschränkte und wirklichkeitsferne Perspektiven eines sich abschottenden Gesellschaftsteils zu durchbrechen, sich in der Einwanderungsgesellschaft besser zu integrieren und ein wenig Bildung nachzuholen! Oder, um von einem Polit-Sprech zum anderen zu wechseln, die offizielle deutsche Geschichtsschreibung, Gesetzgebung und das Bildungssystem als strukturell rassistisch und klassistisch zu benennen. Und nochmal in pädagogisch: Es geht um Anerkennung – davon, wer Teil der deutschen Gesellschaft ist, wessen Geschichte eine Rolle spielt, welche Sprachen seit Jahrzehnten zum deutschen Alltag gehören und wer und was ein Anrecht darauf hat, als deutsch zu gelten. (Ungeachtet der Tatsache, dass grundlegende Anerkennung natürlich nicht an ‚deutsch oder nicht‘ gekoppelt sein kann!)

Einwanderungsgesellschaft, struktureller Rassismus, Migrationsabwehr: ein paar Schlaglichter auf deutsche Geschichtsschreibung

Hier also für alle weißen Deutschen, die auch Nachholbedarf in Sachen gesellschaftlicher Integration und rassismuskritischer Bildung haben, ein paar geschichtliche Daten und Denkanstöße, die kein ausgearbeitetes Bild ergeben, sondern zu mehr Auseinandersetzung auffordern.

1955-1968: Die BRD schließt „Anwerbeabkommen“ für Arbeitskräfte mit Italien, Spanien, Griechenland, Türkei, Marokko, Südkorea, Portugal, Tunesien und Jugoslawien ab. (mehr…)