Trans* in queer-feministischen Räumen: (Festival-) Reflexion #1

Mein Name ist Laura* und mein Pronomen ist „sie“.

In den letzten Wochen habe ich mich auf verschiedenen queer-feministischen Festivals getummelt und (auch dazwischen) eine Menge Gespräche über damit verbundene Themen geführt. Vorstellungsrunden mit Namen und Pronomen, Namens-/Pronomenschilder oder entsprechend codierte Armbänder waren auf diesen Veranstaltungen selbstverständlich, oder zumindest allseits als wünschenswert anerkannt.

Wenn du dich fragst „Woher die Notwendigkeit?“, dann ein kurzer Exkurs:
Ob dein Gegenüber z.B. Trans*, Transmann, Transfrau, Transgender_genderqueer, Genderqueer_genderfluid, weder*noch-Trans, femmy butch, Genderneutral, Neutrois, Inter* … , … oder etwa doch Cis-Frau, Cis-Mann ist, weißt du nicht. Ebenso kannst du nicht erraten, mit welchen Pronomen Personen bezeichnet werden wollen: Sie oder er (nur eines davon und welches)? Beide abwechselnd? Doppelnennung (er_sie)? Ein ganz anderes Pronomen (im Englischenn scheint „they“ beliebt zu sein)? Oder immer den Namen statt des Pronomens? … Bist du sicher, dass sich das Pronomen und/oder der Name nicht geändert hat seit du die Person kennst? Kannst du sicher sein? Daher: “Gender/s and pronoun/s are nothing you can see. Stop assuming, start asking!”

Wer das nun unnötig findet, sei herzlich eingeladen darüber nachzudenken, ob er_sie womöglich Cis-Privilegien genießt (siehe z.B. Cis-Privileg-Checklist).

Hier bietet es sich vielleicht an, auf ein paar Begriffe einzugehen. Die folgenden Begriffsbestimmungen habe ich aus einem Workshop zum Thema

→ „Cis“ bist du demnach, wenn du keine transfeindlichen/transnegativen Erfahrungen machst und dich nicht als trans* definierst.

→ „Transfeindlichkeit“ oder → „Transnegativität“ beschrieb für viele Workshop-Teilnehmende/Betroffene am ehesten unangenehme Re/Aktionen anderer Menschen bezüglich (vermeintlichen) Trans*seins. Der (verbreitetere?) Begriff → „Transphobie“ stellt dagegen eine unpassende Beschreibung dieses (unsensiblen, aggressiven, …) Verhaltens dar und verschiebt außerdem die Verantwortung für dieses Verhalten auf einzelne Menschen (Individualisierung) bzw. auf eine unverschuldete medizinische Diagnose (Pathologisierung).

Der Begriff → „Cis-Sexismus“ wiederum verdeutlicht die systematische Hervorbringung dieses transnegativen Handelns: das Normieren (als normal erklären, generell annehmen und höher bewerten) einer lebenslang-unveränderlichen Einordnung in das Zwei-Geschlechter-System.
„Gibt es ein Wort dafür, wenn Menschen wütend werden, weil sie nicht wissen, welchem Geschlecht sie mich zuordnen sollen?“ Ob es einen präziseren Begriff dafür gibt, konnte nicht abschließend geklärt werden, aber sicherlich stellt diese Reaktion eine Form von Cis-Sexismus dar.
(Für alle, die sich fragen, wie sie mit diesem ‚Einordnungszwang‘ umgehen sollen, hier eine Anleitung in einem Schritt )

Ob die spezifisch negativen Erfahrungen von Trans*frauen nun eher als → „Trans*mysogynie“ (wie im Englischen), → „Trans*frauenfeindlichkeit“ oder → „Trans*weiblichkeitsfeindlichkeit“ beschrieben werden soll, blieb (ob der Holprigkeit aller dieser Begriffe) auch offen.
Deutlich wurde jedoch – v.a. bei einem Vortrag/Workshop zu transfemmebodiment- , dass Trans*frauen (potentiell) eben sowohl mit Sexismus und Frauenfeindlichkeit/Abwertung von Weiblichkeit konfrontiert werden, als auch mit Transfeindlichkeit. Auch wenn ich (ob des akademischen englischen Sprachstils) leider nicht alles verstanden habe, war eine zentrale und dringliche Aufforderung der Vortragenden: „Weiblichkeit NIE abwerten!“ – und das schließt auch ein, Auftreten, das eher butch/‘männlich‘ ist nicht höher zu werten als gezielt ‚feminines‘.

Wer sich (mit Cis-Privileg) in (queer-)feministischen Kontexten aufhält und daher weitere Auseinandersetzungen in Sachen Trans* überflüssig findet, sei auf Folgendes hingewiesen: die meisten FLTI*-Räume (FrauenLesbenTransInter*) sind – so ein berechtigter Einwurf einiger Workshopteilnehmenden – bei genauerem Hinsehen eigentlich (weiße, uninahe, …) FL-Räume.

Daher hier ein paar im Workshop gesammelte Anstöße zu Trans*selbstermächtigung [Edits – thx@t!] , Trans*inklusion und gegen Cis-Sexismus in (queer-)feministischen/FLTI*-Räumen:

- Cis-Solidarität brechen!
(Das kann z.B. heißen, dass eine Person, die womöglich als Cis-Mann ‚passt‘, also als solcher gelesen/behandelt wird, dennoch trans* ist – Ausschluss/Misstrauen dieser Person gegenüber stellt damit keinen ‚Schutz‘ von FLTI-Räumen dar, sondern sichert Cis-Privilegien. Trans* bleibt eine Selbstdefinition und kann nicht von außen (ab)erkannt werden!)

- Bei FLTI*-Veranstaltungen transparent machen, für wen diese (nicht) gedacht sind (z.B. Schilder am Eingang), aber auch:

- Personen am Eingang haben, die darauf hinweisen (nicht jede_r kann lesen, Schilder werden übersehen, sind missverständlich, …) …

- und zwar JEDE Person! Denn auch hier gilt wieder: Auswahl anhand von Äußerlichkeiten bringt am ehesten wieder Stereotype, Missverständnisse und (ungewollte) Ausschlüsse hervor.

- Für Cis-Privilegierte: Sich informieren! (als Start z.B. Queerulant_in #3, Schwerpunkt Trans*; Linklisten rechts durchsehen; … ) Eigene Privilegien erkennen, reflektieren, kritisch damit umgehen, nicht als Norm setzen, wo möglich: nutzen (ja, sehr allgemein, ich weiß … ).

- Für Trans*: Nicht immer den_die persönliche_n Aufklärer_in (alias ‚hetero/cis people’s ideal trans person‘) spielen müssen – „google das mal“ als Antwort parat halten.

- Für Trans*: Wenn ihr mal wieder etwas zum 1000. mal gefragt werdet oder Menschen sich scheiße verhalten (euch die Person aber wichtig ist), folgende Antwort parat haben: „Ich mach jetzt was für dich, ich erkläre dir was, sei dankbar, verändere dich und tue demnächst was für mich (als ‚Ausgleich‘)“.

- Für Trans*: Wenn ihr bspw. weiblich passt aber auf die „Herrentoilette“ geht und blöd angemacht werdet, folgende Antwort parat haben: „Du bist in deinem Leben auch nicht immer zu 100% konsequent.“

- Für Cis-Privilegierte: Bei transnegativen Kommentaren o.ä. reagieren, auch bei Angst vor Sprach-/Argumentationslosigkeit (aber ohne sich als Expert_in zu inszenieren oder sich gar darüber zu profilieren).

- Flyer dabei haben – z.B. den Trans*Respekt-Flyer (gibt’s auf verschiedenen Sprachen) – z.B. wenn du keine Lust hast, etwas erklären zu müssen, aber trotzdem handeln willst.

- Für Trans*: Austausch-/Empowerment-Räume schaffen!

- Für Cis-Privilegierte: Angebotene Veranstaltungen zum Thema besuchen!!!

Diesem letzten Aufruf möchte ich mich herzlichst anschließen und es bleibt mir fürs Erste nur ein fettes „Danke“ hinzuzufügen: für die Workshopleiter_innen und die großartigen Menschen, die in den Workshops und dazwischen ihre Erfahrungen und Meinungen geteilt haben und für das Vertrauen, mich als (potentielle) Verbündete zu betrachten. Ich werde mir alle Mühe geben, dem gerecht zu werden!