Nochmal in Ruhe: Was war? – Und woher die Sprengkraft?

Polarisierung
28. Dezember, Congress Centrum Hamburg, Hall 1: Der größte Saal des Gebäudes ist angefüllt mit unzähligen Kongressteilnehmern und (deutlich weniger) -teilnehmerinnen. Der Moderator des beliebten Antwort-Frage-Spiels hält das Publikum auch nach Mitternacht bei Laune. Dazu bedient er sich unter anderem der bunten Karten, die auf dem Kongress kursieren und die von vielen anscheinend als Sammelspiel genutzt werden. Ein (Groß?-) Teil des Publikums findet das witzig und/oder ärgern sich ohnehin über die Karten, ein anderer Teil fragt sich, was der Moderator damit erreichen will und ob es noch ertragbar ist, sich angesichtsdessen weiter hier aufzuhalten. Beim A-Team (Awareness-Team), das in Sachen Harassment zuständig ist, gehen während der Show 15 Anrufe ein; auf twitter überschlagen sich die Kommentare der konträren Reaktionen. So viel Wind um ein paar bunte Karten? Oder worum geht es eigentlich?

Worum geht es?
Woran sich die Geister scheiden: der Umgang mit gruppenbezogener Ungleichbehandlungen. Wie bitte? In der „galaktische[n] Gemeinschaft von Lebewesen, unabhängig von Alter, Geschlecht und Abstammung sowie gesellschaftlicher Stellung, offen für alle mit neuen Ideen“? Und da liegt schon der Knackpunkt: Gibt es hier Ungleichbehandlung? Unterschiedliche Ausgangslagen und Bedingungen? Womöglich sogar in der Form, dass Männer es leichter haben und weniger Hürden und Unannehmlichkeiten ausgesetzt sind? – Oder ist das alles Quatsch – bisher war doch alles gut, wozu der Stress?
Wer bisher keinen Schwierigkeiten begegnet war, konnte durch mehrere Hinweise darauf kommen, dass es nicht allen so geht:

Das heißt, sowohl auf Seiten der Orga, wie auch bei informellen Akteur_innen war das Bewusstsein da, dass der Kongress kein per se sexismusfreier Raum ist. Und es wurden Gegenmaßnahmen ergriffen. Wie ich finde ein positives Signal an jene, die sich (potenziell) betroffen fühlen – und wer bisher nicht von Schwierigkeiten betroffen war, kann doch stolz darauf sein, dass seine/ihre Community diesen Genuss auch anderen zukommen lassen möchte…?

Woher der große Widerstand gegen diese Bestrebungen?
Kritik darüber, wie sowohl die Karten als auch die Policy an die Kongressteilnehmer_innen herangetragen wurden (oder eben nicht ausreichend herangetragen wurden), ist bereits an anderen Stellen zu finden;
interessant an den Karten finde ich, dass sie eins veranschaulichen: Wer eine rote Karte überreicht bekommt (wörtlich oder im übertragenen Sinne), ohne das zugrundeligende Problem und die Zusammenhänge zu kennen, also für etwas, dass er (sie) als „normal“ bzw. legitim empfindet – fühlt sich selbst zunächst angegriffen, missverstanden, bedroht. Wenn ich den Sinn und die Notwendigkeit von Kritik an meinem Verhalten (oder einem Verhalten, mit dem ich mich identifiziere) nicht einsehe und mich (pauschal) verurteilt und schlecht behandelt fühle, provoziert das Abwehr.
Ob ich diesem Reflex allerdings nachgebe oder ob ich mir Gedanken darüber mache, was dahintersteckt und ob ich vielleicht etwas ändern will – das liegt in der Verantwortung jeder und jedes Einzelnen. Sich an einem shitstorm zu beteiligen und zu versuchen, Kritiker_innen kleinzureden, Nebenschauplätze aufzumachen und die Problematik zu leugnen ist leider die einfachste Reaktion; sie zeigt aber auch auf interessante Weise die Verletzlichkeit der Attackierenden, denn wozu diese heftigen Reaktionen, wenn man(n) sich nicht unter Druck gesetzt fühlt?

Ergo:
‚Formale‘ Maßnahmen wie Policys greifen also nur dann, wenn

  1. auch und gerade im Konfliktfall die Orgaseite klar zu ihren Bekundungen steht – die Willensbekundungen also auch umsetzt und
  2. der inhaltlichen Auseinandersetzung entsprechende Wichtigkeit zukommt: Worum geht es eigentlich? Was ist das Problem? Was wollen wir tun? Im Rahmen des Kongresses bieten entsprechende Talks dazu eine große Chance. „Gender Studies Informatik“ an Tag 2 bot diese Chance, ließ sie aber leider ungenutzt, da durch die wenig mitreißende Vortragsart beim Publikum (soweit ersichtlich) nichts ankam. Schade.

Also: Die Problematik, in Kürzestfassung
(alles nicht neu, aber wenn uns ständig das Gegenteil eingeredet wird, müssen auch alte Erkenntnisse immer wieder durchgekaut werden, bis sie im Bewusstsein ankommen können):

NICHT über Probleme wie Sexismus zu reden, Zusammenhänge NICHT sehen (wollen) und das Problem zu LEUGNEN ist die größte Hürde gegen diese Ungerechtigkeiten vorzugehen:

„Die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen ist hergestellt“, diesen Satz haben die meisten von uns den Großteil ihres Lebens vorgesagt bekommen und geschluckt. Die einzelnen Ungerechtigkeiten, die uns Frauen unser Leben lang, spätestens ab der Jugend ständig begegnen, können daher keiner Struktur angehören, folglich liegt es an mir und meinem Unvermögen/Pech/… wenn ich in einem Bereich nicht erfolgreich bin, von Fremden, Kollegen usw. ablehnend/herablassend/belächelnd behandelt werde, bevormundet, wenn Übergriffe stattfinden, wenn ich mich schuldig daran fühle usw. … Zutiefst verinnerlicht, aber trotzdem nicht die reine Wahrheit.

Gemein ist uns allen: Wir werden in Kategorien („Mäner/Frauen“) gesteckt, die all unsere Lebensbereiche durchdringen (ich definiere mich über vieles, z.B. was ich tue, was ich will, welche Einstellungen ich habe, … – werde aber in täglichen Interaktionen immer wieder auf mein Geschlecht reduziert und festgeschrieben); wir müssen uns Fremdzuschreibungen gefallen lassen („du als Mann/Frau bist soundso, kannst dasunddas(nicht), du sollst soundso sein“); wir werden mit Rollenerwartungen konfrontiert: diese basieren auf Vorstellungen von ‚Männlichkeit‘ und ‚Weiblichkeit‘ und beeinflussen die Strukturierung der Gesellschaft, was sich zum Beispiel an der Einteilung in „typische“ männer- und frauenspezifische (Arbeits-) Bereiche zeigt („Männlichkeit“ und „Technik“ ist dabei eine ganz zentrale Kopplung).

Aber: Diese fremdbestimmten Einteilungen sind nicht wertneutral oder gleichwertig.
Frauen und deren spezifische Domänen werden geringer geschätzt (stereotyp existieren z.B. die Bilder von Kindergärtnerin und Putzfrau vs. Banker, Anwalt, Professor; auch ‚innerberufliche Hierarchien‘ sind nach wie vor in den Köpfen: Chef und Sekretärin, Arzt und Schwester, …).
Weiblichkeit wird unterlegen, schwach, (sexuell) verfügbar konstruiert und Frauen wird subtil, aber durchgängig, mit der Stärke und körperlichen Überlegenheit, Übermacht von Männern gedroht – in Medien und im Alltag gibt’s die tägliche Dosis davon: Warnung vor und Legitimation von Übergriffen, die auf diesen Vorstellungen (Übermächtigkeit, Verfügbarkeit, Ausgeliefertheit) aufbaut.

Daher ist es zu kurz gedacht, zu denken, dass über Sexismus nicht mehr gesprochen werden muss, „weil es letztes Jahr schon thematisiert wurde und weil ja niemand absichtlich diskriminiert“: Sexismus ist in allererster Linie unbewusst und unabsichtlich – weil er gesellschaftlich verankert ist. Das Reden darüber für illegitim und unnötig zu erklären, ist eines der massivsten Unterdrückungsmittel (egal ob absichtlich eingesetzt oder im guten Vorsatz). Niemand kann einem anderen Menschen Erfahrungen von Diskriminierung (struktureller Benachteiligung) „ausreden“ – schon gar nicht, wenn der Sprecher überhaupt nicht der benachteiligten Gruppe angehört.

Fazit:
Dass es nach wie vor wichtig ist, über Sexismus aufzuklären; dass es nicht selbstverständlich ist, die Problematik anzusprechen und mich dagegen zu positionieren – das zeigen die heftigen Reaktionen, die das Hackerjeopardy ausgelöst hat: Kritik an Sexismus scheint ein heißes Thema zu sein und Leute fühlen sich davon bedroht. Sich missverstanden und bedroht zu fühlen, ist nicht schön. Artikulationen von Diskriminierungserfahrungen und Versuche von Lösungsstrategien zu leugnen, abzuwerten und offensiv gegen Menschen anzugehen, die sich dafür einsetzen, ist jedoch inakzeptabel. Sich mit Kritk an Verhältnissen, an deren Aufrechterhaltung man beteiligt ist, auseinandersetzen zu wollen, ist wünschenswert.
Niemand kann dafür verurteilt werden, einem bestimmten Geschlecht anzugehören. Wir haben uns das alle nicht ausgesucht – weder unsere Privilegien noch unsere Erfahrungen von Benachteiligung . Aber welche Konsequenzen wir daraus ziehen – das suchen wir uns sehr wohl aus.


1 Antwort auf „Nochmal in Ruhe: Was war? – Und woher die Sprengkraft?“


  1. 1 Lieber Ray Pingback am 23. Januar 2013 um 10:13 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.