[Übersetzt:] 5 Mythen, die dich von nicht-binärer [non-binary] Transition abhalten könnten

Dieser Text von Micah erschien zunächst unter dem Titel „5 Myths About Non-Binary Transition“ auf Neutrois.me und wurde – mit ein paar Überarbeitungen des_der Autor_in – am 18. Juli 2015 auch auf everydayfeminismveröffentlicht.

Ich wurde von einer non-binary Person aus meinem Umfeld darum gebeten, den Text zu übersetzen und zu veröffentlichen, da auf Deutsch (bisher) wenig zum Thema zu finden ist. Nach Rücksprache mit Micah und everydayfeminism findet ihr hier nun endlich eine Übersetzung der zweiten Version.

[In den eckigen Klammern findet ihr im Originaltext Verlinktes – oder sie markieren Stellen, an denen ich mir mit der Übersetzung nicht sicher war oder ich englische Begriffe zusätzlich beibehalten wollte, wenn es sich um nicht exakt übersetzbare feststehende Wendungen handelt.]

Solidarische Grüße an alle Non-Binarys von einer Person mit Cis-Privilegien: Ich wünsche viel Empowerment beim Lesen; bei Kritik oder Änderungswünschen schickt mir gern eine E-Mail!
Laura*

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„Nachdem du scheinbar endlos nach genau dem richtigen Wort gesucht hast, das deine Erfahrungen außerhalb der Geschlechterbinarität beschreibt, hast du endlich eine Beschreibung gefunden, die DU schreit.
Oder vielleicht, wenn du dich nach einem jahrzehntelangen Hin und Her, zwischen maskulin und feminin pendelnd, genau in die Mitte pflanzt und dich damit fast der Schwerkraft widersetzt.
Und du warst voll Ekstase.
Das erste mal fühltest du dich gehört und verstanden. Du hast gespürt, dass es einen Ausweg aus dieser Geschlechterbinarität gibt, die dir verwehrt hatte zu leben.
Das ist alles kalter Kaffee für dich.
Du hast dein nicht-binäres Gender schon als Herzstück deiner Identität angenommen. Jetzt willst du etwas tun.
Nur … was?
Vielleicht hast du den Eindruck, Transition sei nur etwas für diejenigen, die „wirklich“ Transgender sind – und sich als Männer oder Frauen identifizieren. Schließlich ist ein Transmann ein Mann und eine Transfrau eine Frau.

Was heißt das für uns Trans-Nicht-Männer, Trans-Nicht-Frauen?

Durch schlechte Informationslage wimmelt es nur so von Mythen und falsche Vorstellungen um Nicht-Binäre Menschen und deren Möglichkeiten der Transition.
Das meiste davon ist falsch und tatsächlich ist es möglich, glaubwürdig zu transitionieren, Änderungen umzusetzen und dabei dir selbst treu zu bleiben.
Vorher musst du aber diese nervtötenden Mythen überwinden.

MYTHOS 1: Du kannst überhaupt nicht transitionieren
Dieser Mythos ist offensichtlich falsch. Ich – und viele andere wie ich – sind der lebende Beweis dafür.
Aber lasst ihn uns für einen Moment auseinander nehmen.
Für mich heißt transgender zu sein einfach, ein Gender zu haben, das nicht zu dem Geschlecht passt, welches dir bei der Geburt zugeschrieben wurde (was fast immer ausschließlich weiblich oder männlich ist und anhand der äußeren Genitalien entschieden wird). Die Wichtigkeit dieser Definition liegt im großzügigen Spielraum – sich außerhalb der Binarität zu identifizieren und gleichzeitig die geteilte Erfahrung anzuerkennen, sich mit dem Geschlecht unwohl zu fühlen, welches eine*r nach den Erwartungen anderer haben sollte.
Sobald mir klar wurde, dass ich nicht „ein Mann sein wollen“ musste um transgender zu sein, war ich sehr erleichtert, habe mich niedergelassen und es mir mit dem Trans-Label gemütlich gemacht. Mich bewusst als transgender zu identifizieren bot mir nicht nur den Zugang zu unschätzbaren Quellen, sondern schenkte mir auch eine Community: eine Gruppe von Menschen in denen ich mich selbst – meine Erfahrungen, Vergangenheit, Gegenwart und mögliche Zukunft – wiederfinden konnte.
Die zweite Annahme, die in diesem Mythos steckt, ist das Konzept der Transition nur innerhalb der binären Falle zu verwenden [Link: trapping the concept of transition within a binary].
Nochmal: Ich muss nicht „ein Mann sein wollen“ um „keine Frau zu sein“ – das sind keine sich gegenseitig ausschließenden Wege.
Bei einem Workshop sagte mal eine Person: „Ich gehe nicht von A nach B. Das einzige was ich sicher weiß ist, dass ich A verlassen habe.“
Es ist in Ordnung, wenn dein Ziel noch unbekannt ist. Solange der nächste Schritt direkt vor deiner Nase ist, gibt es keinen Grund, ihn nicht zu gehen.

MYTHOS 2: Du kannst nicht medizinisch transitionieren
Falsch. (Na klar, alles sind Mythen, daher werden alle falsch sein, ich höre jetzt also auf das zu sagen.)
Die WPATH [World Professional Association for Transgender Health – Weltgesundheitsorganisation für Transgender-Gesundheit] hat 2011 die siebte Version ihrer „Standards of Care“ herausgebracht [Link: 7th version of their Standards of Care] – Und das erste Mal überhaupt waren Menschen mit nicht-binärem Gender mit aufgenommen.
Irgendwie jedenfalls.
Absichtlich vage benennen die neuen Richtlinien „Ziel-Gender“ statt „gegenteiliges [opposite] Geschlecht“. Sie befürworten die Verwendung von informierter Zustimmung [Informed Consent], damit medizinisches Personal eher als Unterstützer_innen denn als Zugangsbeschränkende [Gatekeeper] auftreten. Und die WPATH macht deutlich, dass dies Richtlinien sind, nicht Regeln, und betont dabei ein ganzheitliches Betreuungsmodell um Personen gemäß einer Einzelfallbetreuung zu behandeln statt einfach einen pauschalen Regelsatz anzuwenden.
Also, offiziell seid ihr abgedeckt.

Aber wir wissen natürlich alle einiges darüber, gegen den Strom schwimmen zu müssen um glücklich zu sein.
Standards oder Richtlinien sollten dich nicht davon abhalten, das zu suchen (oder zu finden) was du brauchst.
Zum Beispiel hatte ich meine Brustoperation [Link: top surgery] bevor die WPATH die „Standards of Care“ aktualisierte, als Hormone und „gegenteiliges [opposite] Geschlecht“ und „12 Monate Lebenserfahrung“ die „offizielle“ Norm waren.
Ich hatte die Operation ohne eine Bescheinigung einer_s Psychiater_ins [? – „ mental health professional“] (was übrigens immer noch eine Anforderung ist, sogar unter den neuesten Standards of Care). Ich hatte diese Operation ohne das Vorhaben weiterer Transition. Das war, was ich meinem Gefühl nach in dieem Moment tun musste, also habe ich es voran getrieben.
Aber oft ist das, was uns zögern lässt, nicht die Regulierung von außen.
Klingt „nicht trans* genug“ vertraut?
Egal ob es von äußerem Druck des Umfelds oder inneren Zweifeln kommt, wir tragen eine Art Schuldgefühl mit uns herum, dafür dass wir Leistungen in Anspruch nehmen die wir nicht „wirklich brauchen“, da wir nicht „wirklich trans*“ sind oder von welchen anderen einschüchterne Parolen [scare quote phrases] wir uns mental zu überzeugen versuchen.
Es gibt nichts, was ich noch hinzufügen kann, um dich zu versichern, dass das komplett, völlig falsch und ungültig ist – außer nochmal zu betonen, dass egal was die anderen (oder dein Kopf) sagen, es einfach nicht stimmt.
Ich beende diesen Teil mit folgender Geschichte: Ein paar Tage nach meiner Operation war ich emotional sehr verletzlich [Link: I found myself emotionally vulnerable]. Ich bin ausgeflippt wegen meiner übel zugerichteten, blutigen Brust und stellte verzweifelt meine Entscheidung in Frage. Ich sagte meinem Vater immer wieder: „Was, wenn das ein Fehler war? Was, wenn das alles nur irgendsoeine radikale Vorstellung ist, auf die ich mich da eingelassen habe?“
Er antwortete mir sehr geduldig: „Na, und warum solltest du dich dann auf diese Vorstellung einlassen?“
Selbst die Vorstellung wir seien nicht wirklich trans* ist nur ein Konstrukt.

MYTHOS 3: Du kannst nicht sozial transitionieren
Wieder Falsch! (Okay, letztes mal, versprochen!)
Du kannst – gewissermaßen.
Soziale Transition bedeutet in jedem Szenario viel Arbeit, allerdings mehr davon wenn dein Gender außerhalb der Binarität fällt.
Namensänderungen oder ungewohnte Pronomen zu haben bedarf viel an Erläutern, immer wieder daran erinnern, sich gegen das Geläufige auflehnen und eine beschämende Furcht davor, lächerlich zu klingen oder nicht ernst genommen zu werden.
Manchmal kann diese Furcht auch Wirklichkeit werden.
Solange du gewillt bist, Arbeit rein zu stecken, besteht die Chance, dass du deinem Ideal nahe kommst. Vor allem wenn dich nur auf die wenigen Dutzend Leute fokussierst, die du jeden Tag triffst – die bis zu 90% deiner sozialen Interaktionen ausmachen und auch gewillt sind, mit dir da Arbeit rein zu stecken – ist es möglich an einen Ort zu kommen, wo du dich verflixt gut mit dir fühlen kannst.
Es wird wahrscheinlich nie perfekt sein [Link: It’ll probably never be perfect], aber das ist schließlich nie etwas.
So lieb es mir auch wäre, wenn Unbekannte aufhören würden mich mit „Dame“ oder „Herr“ anzusprechen, wäre es mir noch viel lieber, wenn irgendwelche Unbekannten „Guten Morgen“ sagen, mich nicht blöde anstarren, mich nicht im Bus herumschubsen würden und insgesamt einfach ein bisschen freundlicher wären.
Ein großer Teil der Transition (wie bei allem anderen im Leben auch) heißt lernen zu akzeptieren, was möglich ist und was nicht – und sich damit zu arrangieren, dass wir alle nicht perfekt sind und und nicht perfekte Leben leben.
Aber wenn wir uns anstrengen, kann die Grenze zwischen dem Unmöglichen und der Realität sich verschieben – langsam und stetig vorwärts.

MYTHOS 4: Du kannst rechtlich nicht transitionieren
Das kommt wirklich drauf an.
Der rechtliche Bereich ist so komplex wie das Gender-Spektrum, daher will ich nicht zu tief darauf eingehen.
Weltweit ist es – mit weniger als einer Handvoll Ausnahmen – derzeit tatsächlich unmöglich, dein Geschlecht rechtlich in etwas anderes als männlich oder weiblich zu ändern.
Dennoch ist es möglich von einem zum anderen zu wechseln, auch wenn du dich mit beiden nicht identifizierst.
Denk daran, dass „rechtliches Geschlecht“ ein soziales Konstrukt ist: Es ist nur so gut wie das Dokument auf dem es steht.
In den USA gibt es für jedes Dokument eigene Regeln dafür, wie das darauf eingetragene rechtliche Geschlecht geändert werden kann, oft erfordert es mindestens einen spezifischen medizinischen Bescheid [? generic medical letter] (DMV oder US-Pass), bestimmte Operationen [Link: some sort of surgery] (Geburtsurkunde), oder ein bestimmtes Set an Operationen (in vielen Ländern) bis hin zu womöglich langen und kostspieligen Gerichtsprozessen mit Ärzt_innen, Anwält_innen und Richter_innen (zum Beispiel in Deutschland).
Eins ist sicher: Du wirst sehr viel Papierkram erledigen müssen.
Unterm Strich musst du dich einfach fragen ob es wert ist den Schritt zu gehen, wenn das Ergebnis immer noch nicht ideal sein wird – und hab keine Angst davor mit „ja“ zu antworten.

MYTHOS 5: Niemand wird dich lieben
Unsere Körper sind alle unterschiedlich.
Ich zum Beispiel bin klein – sehr, sehr klein. Ich war also in den meisten konkurrenzbetonten Sportarten ziemlich schlecht, da mir meine Gegner_innen immer sozusagen haushoch überlegen waren. Das hat meine Chancen, Liebe zu finden, auch ernsthaft geschmälert, denn mit jemandem zusammen zu sein, der_die einen Kopf größer ist als ich wäre mir unangenehm.
Aber im Ernst.
Gender – und der vergeschlechtlichte Körper – gilt als „legitimer“ Grund, jemanden zu mögen oder nicht zu mögen. Ich meine, die meisten Leute streichen schon die Hälfte der Bevölkerung, einfach dadurch dass sie eine Vorliebe für ein Gender deklamieren, allgemein bekannt als sexuelle Orientierung.
Statt auf Gender kann ich viel leichter auf die Unzahl anderer Kriterien Bezug nehmen, auf Grund deren jemand gerne mit mir ausgehen/kuscheln/vögeln würde oder nicht – egal ob es dabei um deinen Körper (klein), deinen Geist (analytisch), deine Gefühle (stoisch), oder deine Persönlichkeit (mutig und ein wenig rechthaberisch) geht, wo du lebst (am anderen Ende der Welt), welche Musik du magst (jazzercise), oder sogar um solchen Kram wie ob du ein Katzen- oder Hundetyp bist (nur niedliche Welpen bitte).
Und bei diesem heiklen Netz von Anforderungen ist ja wohl klar, dass du diese magische Verbindung nicht mit irgendwem finden wirst.
Also vergiss Gender und die Voreingenommenheit der Leute davon, konzentrier dich darauf Leute zu finden, die alles andere an dir mögen.
Vor allem konzentrier dich auch darauf dich selbst zu lieben.

Zum Schluss nimm dir noch einen Moment und bedenke, dass du – eine ganz gewöhnliche Person – es geschafft hast, zu diesen erhellenden Schlüssen über Geschlechterbinarität zu kommen.
Wer kann schon sagen, dass irgendwelche anderen Typen/Typinnen/Typedidüpps das nicht auch schaffen?

Transition: Es ist nicht einfach, aber es lohnt sich
Ich hab eine Weile gebraucht um zu kapieren, dass nicht-binäre Transition – unter meinen eigenen Bedingungen – überhaupt eine Möglichkeit war.
Ab da habe ich unzählige schlaflose Nächte mit wildem Recherchieren verbracht, angefangen beim Herausfinden, was ich ich will, über die Frage, was das für mein Gender bedeuten würde, bis zum schlussendlichen Organisieren dessen, was es dafür brauchte.
Vieles davon musste ich für mich selbst herausfinden.
Nicht-binäre Transition ist mit unbeantworteten Fragen verschlüsselt, die jede*r am Ende selbst für sich beantworten muss.
Manchmal ist die beste Antwort „kommt drauf an“ oder „das liegt wirklich in deiner Hand“ oder sogar „das ist scheiße, aber damit musst du klarkommen“.
Aber immerhin denken wir darüber nach, tauschen unsere Geschichten aus und finden es gemeinsam heraus. Manchmal ist es einfach eine Frage von Aufmerksamkeit; wenn Leute wissen, wo sie suchen müssen, werden sie auch eher etwas finden.
Die Transition hat mir Trost und Glücklichsein gebracht, wie es für mich nie erreichbar schien – und ich hoffe das kann sie für euch auch.“