[Gastbeitrag:] Das Undenkbare verlangt nach einer Sprache! Über geschlechts“neutrale“ Pronomen

Heute darf ich den Beitrag einer Person veröffentlichen, welche auf der Suche nach einem eigenen Platz in einer Welt voll Zwang zur Zweigeschlechtlichkeit Gedanken zum Thema ‚nicht-zweigeschlechtliche Pronomen‘ mit uns teilt … Vielen Dank an Verfasserx Charlie!

„Warum macht es dich denn so fertig, als Frau/Mann wahrgenommen zu werden? Coole Leute sehen dich eh einfach als Mensch, egal was du bist oder wie du aussiehst. Und die anderen kannste eh vergessen.“

So was Ähnliches habe ich schon öfters gehört, wenn ich versucht habe, mit wichtigen Menschen über meine Auseinandersetzungen mit (meinem) Geschlecht zu reden. Und obwohl sie im Idealfall lieb und bestärkend gemeint sind, würde ich diese Sätze nicht zum Ausprobieren an der von-Genderproblemen-geplagten Person deiner Wahl empfehlen. Warum, das wird hoffentlich in diesem Text noch ganz nebenbei deutlich werden. Denn eigentlich soll es hier um Pronomen gehen, oder, noch enger gedacht, um meine Pronomen.
Wenn ich es so versuche zu rekonstruieren, hat mich erst diese nonchalante postgender-Haltung in Teilen meiner Umgebung dazu gebracht zu sagen: „Dann brauche ich eben eine andere Sprache, um mich abgrenzen zu können in dieser heilen Welt, in der offenbar alle schon sein dürfen, was sie wollen…“
Dass ich mich nicht mit einem der beiden Offiziell Anerkannten Geschlechter identifiziere, will ich nicht nur tief innendrin wissen, sondern es sichtbar machen. Das ist nicht leicht und macht mich jeden Tag ein bisschen kleiner oder größer – denn entgegen dem, was ich mir so oft anhören muss, hat der Magnetismus dieser beiden Pole noch nicht viel von seiner Kraft verloren. (Cis-) Männlichkeiten und -Weiblichkeiten müssen nicht erklärt werden, sie werden automatisch gesehen und gehört – sogar dort hineingelesen, wo sie nicht sind. Für alles dazwischen oder jenseits davon gibt es keine, oder nur ganz wenige, oder fies diskriminierende Bilder und Worte.
Für mich geht die Konfusion schon bei der Frage los, was es nun eigentlich braucht. Ich will nicht nur eine geschlechts“neutrale“ Sprache, bin ich doch alles andere als neutral – schließlich kämpfe ich mit viel Energie und Frust und Wut und Spass dafür, als Mensch außerhalb des Geschlechterdualismus existieren zu dürfen; Geschlecht ist mir das Gegenteil von egal.

Erst dachte ich über Auswanderung nach. Im Englischen gibt es viele Möglichkeiten für nicht-zweigeschlechtliche Pronomen, angefangen davon, „they“ im Singular zu benutzen, bis zu Phantasiewörtern wie ze/hir, ey/em… Hier ist es einfacher, da das Pronomen nicht komplett durchdekliniert werden muss und da die meisten Satzteile, anders als im deutschen, gar nicht gegendert werden. Auch in Schweden gibt es ein offizielles drittes Pronomen.
Im deutschen kenne ich nur zwei marginal verbreitete Möglichkeiten von alternativen Pronomen. Die eine ist ein ziemlich cooler Vorschlag von Anna Heger. Xier/xies/xiem/xien war mir aber für den Alltag zu kompliziert, weil ich mich vermutlich dafür verantwortlich fühlen würde, allen die grammatikalischen Regeln zum Sprechen mit mir und über mich beizubringen – denn ich habe gemerkt, dass es auch so schon schwer genug ist, irgendein neues Pronomen für sich durchzusetzen.
Der andere Vorschlag kommt, wie ich später rausgefunden habe, von dx berliner Professx lann hornscheidt, und ist eigentlich zum geschlechtsneutralen Reden über alle gedacht. Also zum Beispiel Studierx statt Student_innen. Wie „xier“ kann mensch es benutzen, wenn grade unwichtig oder unklar ist, welches Geschlecht die jeweiligen Personen haben, wenn es also z.B. grade nicht um Diskriminierungsverhältnisse geht.
Ich benutze, wie wenige andere Menschen, die ich kenne, das x-Pronomen dauerhaft für mich. Gut finde ich daran, dass es ziemlich einfach zu lernen ist, auch für Leute, deren Erstsprache nicht deutsch ist: X geht fährt mit xs Fahrrad zum Treffen. Hast du x gesehn? X ist meinx gutx Freundx.
Erstmal wollte ich einfach nur ein anderes Wort als „er/sie“ haben, und habe mich dann erst später mehr mit Pronomen auseinandergesetzt, unter anderem mit dieser Kritik aus einer critical-whiteness-Perspektive. Danach habe ich überlegt, ob ich das x noch für mich beanspruchen kann, wenn es doch schon dadurch besetzt ist, auf eine Form von Diskriminierung aufmerksam zu machen, in der ich als weisse Person nicht nur nicht betroffen, sondern privilegiert bin. Andererseits ist mir dabei aufgefallen, dass ich nach einem Pronomen suche, dass ich nicht nur als Platzhalter verwenden und jederzeit austauschen kann, wie in diesem Artikel angenommen wird. Ne, ich will mich selbst verorten können und nicht nur in politischen Debatten fremdverorten lassen. Macht das Sinn? Ich brauche auch ein Pronomen, das mein fünfjähriger Mitbewohner sich merken kann…
Vermutlich geht das Suchen weiter – für manche ist es ein kreatives, provokatives Spielen mit Sprache, für mich ist es oft aber eher die Suche nach einem Rückzugsort in einer rücksichtslos zwangsgendernden Sprache, die mich eigentlich nicht mitspielen lassen will.