Belastungen und Entlastungen politischen Schreibens – Fragmente

Zwischen Widerstandsstrategie und dem ‚feministischen Burnout‘
Neulich hatte ich ein tatsächlich nettes Smalltalkgespräch à la ‚Was machst du eigentlich sonst so?‘; erschreckenderweise fielen mir nur Verpflichtungen ein: Lohnarbeit, Beziehungsarbeit, Reproduktionsarbeit, politische Arbeit. Ähm, und wo bin ich da gleich nochmal…?
Auf dem Zettel an der Wand steht geschrieben: „abschließen bis Jahresende: Zimmer auf-/umräumen, Bürokratiescheiß, Arbeit dokumentieren, SystemUpdate, Festival-Reflexionen“. Abgehakt nur ein Teilpunkt von Bürokratiescheiß. Daneben der Zettel mit „Jahresend/-anfang Sozialstress“ und ca. 20 Namen von Personen, die ich noch treffen will. Unmöglich. Das Bad ist noch nicht geputzt, der Rucksack noch nicht gepackt, die Bücher stapeln sich, mal wieder keinen Plan, was die Nachrichten so sagen.
Also mal wieder viel zu viel vorgenommen. Und viele Verpflichtungen, die mir schwerfallen zu reduzieren. Ja, ich will gerne hier wohnen bleiben, das kostet Geld: hallo Lohnarbeit. Nein, ich will nicht auf meine Freund_innenschaften verzichten, das beinhaltet Zeit und gute Nerven: Beziehungsarbeit olé olé. Ja, ich habe gerne saubere Klamotten, Essen im Haus und nutzbare Gemeinschaftsräume, darum muss ich mich also kümmern: Repro am Start. Bleibt die (öffentliche) politische Arbeit und damit das Schreiben als zeitintensivsten Anteil … Also hier Abstriche machen? Wo ich doch ohnehin nicht hinterherkomme mit allem, was ich wichtig finde?
In wieweit ist es befreiend, weil eine selbstbestimmte Verpflichtung und meine Art politischen Widerstands, und ab wo trägt es nur zum verinnerlichten Leistungszwang bei und erhöht nur die Drehzahl im Hamsterrad? …

Warum (und wozu) ich (öffentlich) schreibe

Weil ich ohnehin vieles mit mir selbst ausmache:
Weil Support, Raum für Auseinandersetzung nicht einfach verfügbar ist, erst organisiert werden muss.
Weil keine Primärperson da ist, die in allen Fällen zur Stelle ist.
Weil oft nur die Wahl bleibt zwischen denen, die sich unfreiwillig damit auseinandergesetzt haben (die selbst Unterstützung bräuchten oder einfach keinen Nerv mehr haben) und denen, die sich der Auseinandersetzung entziehen und nur bedingt unterstützen können – und alle sind sowieso überlastet …
Weil keine Gruppe um mich ist, in der ich die Dinge thematisieren kann, in der sich die Verantwortung auf viele Schultern verteilt. Mein Vertrauen in Gruppen steht auf wackligen Beinen.
Weil also meistens nur ich da bin, mit meinen eigenen Sorgen und Gedanken und mit denen derer, die ich supporte.

Weil es mir oft leichter fällt als Reden:
Weil ich zu viele Gedanken im Kopf habe, um sie im Gespräch zu sortieren, während ich auf die andere Person eingehe.
Weil ich in der Aufregung vielleicht das Wichtigste vergesse oder nicht formulieren kann, wenn mir die Hände zittern oder mir die Stimme versagt.
Weil ich mich öfter als Einzelne an Viele wende und ich mich mit einer schriftlich formulierten Position nicht ganz so sehr auf ‚verlorenem Posten‘ fühle gegenüber z.B. einer Gruppe, die ja in sich Rückhalt hat.

Weil es mich entlastet:
Weil es macht, dass es weniger weh tut.
Weil es macht, dass ich mich weniger ohnmächtig fühle.
Weil ich dann das Gefühl habe, nicht alle Verantwortung alleine tragen zu müssen, weil ich die Verantwortung damit ein Stück weit in andere Hände legen kann.

Weil mir vieles, was passiert, schon so bekannt vorkommt und immer wieder zu passieren scheint: Weil es mir selbst immer hilft zu sehen, dass andere Menschen an anderen Orten meine Probleme teilen und sie benennen, hoffe ich, dadurch auch andere bestärken zu können.
Weil ich hoffe, dass andere ihr Schlüsse daraus ziehen und es dazu beiträgt, andernorts Eklats zu verhindern und daran weiterzuarbeiten, was auch auch mich/uns hier weiterbringen könnte.

Unglückliche Komplimente & offene Fragen
Häufig höre ich Dinge wie ‚Du kannst Dinge so wertschätzend formulieren, dass sie auch angenommen werden können‘ oder ‚Du schreibst so, dass es auch verständlich ist‘ oder dass es meine Stärke ist, andere zu supporten. Ich glaube das sollen Komplimente sein, aber so sehr mir Wertschätzung wichtig ist, klingt es für mich oft allzu bitter. Denn es geht meist nicht um Dinge, die mir Spaß machen: es sind kritische Gespräche im Bekanntenkreis, bei denen mir das Herz bis zum Hals schlägt, es sind unangenehme Themen, die ich in politischen Kontexten oder bei der Arbeit anspreche und nicht weiß, wie es aufgenommen wird, es ist emotional belastende Beziehungsarbeit, die ich zwar der Person zuliebe gerne machen, die aber keiner von uns Freude bereitet. Mehr als über ein Kompliment würde ich mich darüber freuen, wenn mehr Menschen einen Beitrag dazu leisten, dass ich diese Dinge nicht (so oft) machen müsste. Z.B. dadurch, dass sie sich darin üben, Supportarbeit zu leisten.
Vermitteln, Formulieren und auch Schreiben gehören also anscheinend zu meinen herausragenden Fähigkeiten. Aha.
Und dabei komme ich doch immer wieder zu dem Punkt, an dem ich nicht sagen kann, ob mein wohlformulierter Text jetzt mehr Nutzen oder Schaden gebracht hat:
Die einen fühlen sich supportet, die anderen vor den Kopf gestoßen, hier ist der Inhalt problematisch, da ist die schriftliche Form der Kritik irritierend, für Verwirrung sorgen Zeitpunkt und Wege der Kommunikation und dann gibt’s noch Missverständnisse worauf sich dies und das bezieht und wer welches Hintergrundwissen hat …

Ob’s besser wäre, nicht zu schreiben?
Wo fängt denn meine Verantwortung an, Problematisches zu thematisieren und wo hört sie auf? Wie geh ich denn verantwortungsvoll um mit dem, was mir anvertraut wurde? Und wie gehe ich mit der Last des Anvertrauten um? Wie kann ich mich denn anderen anvertrauen?
Ob’s besser wäre, drüber zu reden?
Mit wem dann, mit wem nicht? Wen geht’s was an, wen betrifft’s denn noch, wer wird zuerst gefragt? Unter welchen Umständen, wie oft und wann, mit welchem Ziel?
Ob’s besser wäre, nichts zu veröffentlichen?
Wer redet dann trotzdem mit wem und wer ist außen vor, wem stehen welche Infos zu und auf welchen Wegen werden Erfahrungen kollektiviert?

Ich weiß es nicht.
Manchmal weiß ichs einfach nicht.