A_sexuelle Beziehungen (and why it matters to think about them): (Festival-) Reflexion #5

PART 1
[Asexualität – ein Workshop, an dem ich nicht teilgenommen habe, Material zum Thema und ein paar Gedanken]

Ein Workshop zu den Themen „A_Romantik und A_Sexualität“! Wie passt der in ein queer-feministisches Festival? Let’s see:
„Es geht um die Unterscheidung zwischen sexueller und romantischer Orientierung, darum was asexuell und sexpositiv sein gemeinsam haben, warum für mich Asexualität queer ist, um Consent und darum was du tun kannst, damit sich Asexuelle in deiner Community wohlfühlen.“
Yeah! Alles klar! … Oder?

Blick zurück:
Das erste Mal, dass ich von Asexualität las, ist gar nicht mal so lange her. Ich meine es war ein Artikel in der Straßen aus Zucker #8 mit dem Titel „We don‘t have to take our clothes off to have a good time. Keine Lust auf Sex und glücklich.“ Hier stieß ich das erste Mal auf Interviews mit Personen, die sich als asexuell beschreiben und von ihren (glücklichen – oh ja!) Lebens- und Liebensweisen berichteten.

Auch in dem Clip „Human Sexuality is Complicated“, welcher einen Kürzestabriss geschlechts- und sexualitätsbezogener Identitätsentwürfe und Lebensweisen versucht, begegnete mir Asexualität als sexuelle Orientierung.

Was hat es denn nun genau mit Asexualität auf sich?
Auf der Homepage der Plattform AVEN (Asexuality Visibility and Education Network) findet sich folgende Erläuterung: „An asexual person is a person who does not experience sexual attraction. (…) Unlike celibacy, which is a choice, asexuality is a sexual orientation. Asexual people have the same emotional needs as everybody else and are just as capable of forming intimate relationships.“ [„Eine asexuelle Person fühlt keine sexuelle Erregung. (…) Anders als der Zölibat, welcher eine Entscheidung darstellt, ist Asexualität eine sexuelle Orientierung. Asexuelle Personen haben die selben emotionalen Bedürfnisse wie alle anderen auch und sind genauso fähig, intime Beziehungen einzugehen.“]

Aha! Das leuchtet ein! Und das ist ein erster guter Ausgangspunkt, um asexuellen Personen/Lebensweisen respektvoll zu begegnen und zu überlegen, wie Beziehungen unter diesem Vorzeichen für alle Beteiligten angenehm gestaltet werden können.

Inwiefern kann nun der Einbezug einer wertschätzend(er)en Perspektive auf asexuelle/nicht-sexuelle Beziehungen auch für ’sexuell Orientierte‘ eine große Bereicherung darstellen? Gedanken dazu finden sich in einem sehr eingängigen Talk von AVEN-Gründer David Jay, der dort die Frage aufwirft, welche Beziehungen es sind, über die geredet, die gefeiert und anderen vorangestellt werden („Which relationships get talked about, celebrated and prioritized?“). Er beschreibt die Sehnsucht der meisten Menschen nach (zwischenmenschlichen, emotionalen, persönlichen) Verbindungen und die Schwierigkeit, diese in einer Gesellschaft zu verwirklichen, welche sich zumeist auf Sexualität als Hauptquelle dieser Verbundenheit fixiert: „Our struggle for connection is tangled up in a culture of sexuality“. Sein Ansatz weist nicht nur auf eine Aufwertung nicht-sexueller Beziehungen hin, sondern auch auf eine radikale Neudefinition/Dekonstruktion der Kategorien „Freundschaft“ und „Paarbeziehung“; er eröffnet einen Zugang zum Konzept des Mehr-als-einen-wichtigen-Menschen-im-Leben-haben/mehrere-Menschen-lieben – einen Zugang, der nicht in die Falle tappt, Beziehungen außerhalb der monogamen Paarkonstellation durch Sexualität aufwerten zu wollen und damit wieder Sexualität als Kriterium von Beziehungs-Hierarchien hervorbringt.

Weiterführende Einblicke (u.a. mit der selben Person) finden sich in der 2011 herausgebrachten Doku „(a)sexuality“.

Das Reden bzw. Singen über asexuelle Beziehungen, das Feiern und in den Vordergrundstellen dieser, findet sich auch bei der Band Friend Crush – deren eines Mitglied auch oben genannten Workshop durchführte.

Von der gleichen Person gibt es auch das empfehlenswerte Zine „Wer A sagt muss nicht B sagen“.

Rechts unter „Blogs & Plattformen“ findet ihr noch weitere Links zum Thema Asexualität:
- „the asexual agenda“
- „a life unexamined“

Comics:
- „Shades of A“, eine emanzipatorische „Umdichtung“ des ähnlich klingenden Buches: „When openly asexual Anwar Sardar gets dragged to a kink night by his (soon to be ex) best mate, JD; he is surprised to make friends with Chris Slate, a middle aged transvestite with a penchant for Dr Who. Convinced they’ll never meet again Anwar puts him out of his mind, but the awkwardly charming man keeps turning up in his life.“ Very nice.

- Auch in meiner Lieblingscomicreihe Girls with Slingshots gibt es eine asexuelle Paarbeziehung.

PART 2: Material zum Thema (offene/polyamore/nicht_sexuelle/nicht_romantische/Freundschafts-/Liebes-/Paar-) Beziehungen – in biographischer Auseinandersetzungsfolge

„beziehungsweise frei“: die wohl erste Textsammlung, die ich zum Thema gelesen habe (v.a. sprach mich damals der Text „Begraben unter unkomplizierten Paketlösungen“ an);
gefunden auf der Plattform liebe.aranca.de – Textsammlungen zur Kritik an Romantischen Zweierbeziehungen, Ehe, Heterozentrismus u.v.m. (habe ich längst nicht alles gelesen). [thx@m for getting me into this…]

„Vom Kreuz der Paarbeziehung“: ein kurzer Audiotrack über die Zumutungen des Ausschließlichkeitsansspruchs in Paarbeziehungen

Das Zine „Anarchy & Polyamory“: Sehr kontroverse Beiträge, die zum Teil explizit Überlegungen bezüglich Sexismus, aber auch Rassismus, Klassismus und anderer Machtungleichheiten einbeziehen; auch Kritik an der Praxis, das ‚Label‘ Polyamory als Legitimation zu nutzen, um neue Aktivistinnen* in Politgruppen anzugraben

Das Zine „Liebe & Beziehungen“ vom Institut für separatistischen Ausschlussfeminismus (das Zine ist leider nicht online, daher hier nur einer der Zine-Texte verlinkt): bahnbrechend! Erstmals gefundene Benennung von Paarnormativität, der damit einhergehenden Trennung der Konzepte „Beziehung“ und „Freundschaft“ und der Deprivilegierung Letzterer…

Verschiedene Texte aus dem Zine „Getting Rid of the Shame and the Shit“ – z.B. Was heißt eigentlich „romantisch“?/Wieso „RZB“? Wieso wollen Menschen Paarbeziehungen? Und wie kann sich das anfühlen, wenn mensch ohne lebt?

Blogpostsammlung „Über Liebe und (zwischenmenschliche) Beziehungen“ – neuester Fund [thx@t]; lest einen beliebigen Artikel davon, sie sind alle klar und aufrüttelnd und grandios! Wundervoll.

Zeitschrift Queerulant_in #7: Schwerpunkt “Nicht_Beziehungen/Beziehungen” – noch nicht gelesen, aber mit sehr großer Sicherheit top! Freue mich auf die Lektüre.

So, hier habt ihr’s: viel Auswahl und meine wärmsten Empfehlungen, euch darin zu vertiefen, zu verwirren und neu zu formatieren … Lesen müsst ihr schon selbst :-)