„Sex Work is Work!“: (Festival-) Reflexion #4

Was ist eigentlich Sexarbeit? Klar, Sexarbeit kann das sein, was landläufig unter der Bezeichnung „Prostitution“ verstanden wird: bezahlter Geschlechtsverkehr, körperliche sexuelle Interaktionen. Sexuelle Dienstleistungen können aber auch ganz anders aussehen: Stripshows, erotische Massagen, Telefonsex, Escort, Domination-Submission-Spiele, Mitwirkung an erotischen_pornografischen Filmen, Fotos usw., … gearbeitet wird in (einzeln oder gemeinsam) gemieteten Räumen, Bordellen, den eigenen Privaträumen, den Privaträumen der Kund_innen, der Straße, bei Veranstaltungen, … Sexarbeit kann als Haupteinnahmequelle dienen, als Nebenverdienst, für eine kurze Zeit oder bis zur Rente. Sexarbeiter_innen verdienen sich damit ihr Brot, ihre Miete, die Klassenfahrt der Kinder, das Studium oder den nächsten Urlaub, sind ‚jung‘ oder ‚alt‘, Migrant_innen oder ‚Alteingesessene‘, ohne Abschluss oder Akademiker_innen.

Mit dieser schlaglichtartigen und höchst unvollständigen Aufzählung will ich andeuten, dass Sexarbeit viele Facetten besitzt, von unterschiedlichen Personen in verschiedenen Lebenslagen aus zahlreichen Gründen ausgeübt wird und sich damit keinesfalls einheitlich in die gängige (Tatort-) Erzählweise der hilfsbedürftigen, jungen, ‚nicht-deutschen‘/'nicht-europäischen‘, ungebildeten und abhängigen Mädchen packen lässt.
Dass diese vereinnahmende Erzählweise nicht vom reinen ‚Helfer_innensyndrom‘ herrührt, sondern patriarchale und nationale Interessen stützt, mag nun mehr oder weniger verwundern …

In dieser Erzählweise wird Sexarbeit stets mit Zwangsprostitution und Menschenhandel (vor allem Frauenhandel) gleichgesetzt; in ihrer Rede „‘Menschenhandel‘ und ‚Zwangsprostitution‘ – EU-Konzepte zur repressiven Eindämmung von Migration und Prostitution“ (29.5./01.06.2014) beschreibt Juanita Henning (von der Organisation Doña Carmen, Verein für soziale und politische Rechte von Prostituierten) das Konzept „Menschenhandel“ als „Entmündigung erwachsener Migranten/innen“: „Menschenhandel wurde zu einer Metapher für illegale Einwanderung oder genauer gesagt: zur Metapher für ein Konzept zur Bekämpfung nicht gewollter Migration, ein Migrationsabwehr-Konzept.“ Sie nimmt hier auch Bezug auf die wichtiger werdende Rolle der Frauen als Migrationsvorreiterinnen und deren Autonomiegewinn. Mit Blick auf die europäische Abwehr von Prostitutionsmigration im Speziellen ergänzt sie: „Als Prostitutionsmigrantin ist die Frau das genaue Gegenteil der treusorgenden Hausfrau und Mutter, also jener Rolle, die den Frauen traditionellerweise zugedacht ist. Sie hat nicht nur den ‚heimischen Herd‘ verlassen, sie bestimmt auch noch autonom über ihre eigene sexuelle Reproduktion jenseits von Ehe und Familie. Eine Provokation!“ Kurz zusammengefasst beschreibt sie in ihrer Rede: „Die europäische Anti-‘Menschenhandels‘-Politik ist zwei in einem: die Abwehr gegenüber Migration als solcher und gleichzeitig die konservativ-reaktionäre Antwort auf das Brüchigwerden der traditionellen Geschlechterrollen im Kontext der Feminisierung von Migration.“
[Den gesamten Inhalt der Rede hier wiederzugeben ist mir unmöglich, ich empfehle die Lektüre aber wärmstens!]

Diese Abwertung von bzw. Aggressivität/Feindlichkeit gegenüber Sexarbeiter_innen (engl. auch ‚whorephobia‘ – zur Problematik der Verwendung von ‚Phobie‘ im Bezug auf gesellschaftliche Diskriminierung siehe den Post trans* in queerfeministischen Räumen) wirkt auch als Kontrolle und Einschränkung aller Frauen* hinsichtlich ihrer Selbstbestimmung in Bezug auf Körper, Sexualität, Reproduktion/Schwangerschaft und Lebensführung. Ohne dies im Einzelnen auszuführen gilt ganz knapp: Sexarbeiter_innenfeindlichkeit richtet sich sowohl gegen Sexarbeiter_innen (die in dem Moment vielleicht gar nicht als solche erkannt werden) als auch gegen Frauen*, die den ‚Klischeebildern‘ von Sexarbeiter_innen entsprechen (damit aber gar nichts zu tun haben müssen). [Männliche Sexarbeiter sind in der ‚allgemeinen‘ Vorstellung ziemlich unsichtbar, was teils unterschiedliche Schwierigkeiten für Sexarbeiter_innen hervorbringt.]

Über diese und andere Aspekte unterhielten sich Sexarbeiter_innen und (angehende) Verbündete auch bei einem schönen Festival-Workshop über Sex Workers Rights.
Thematisiert wurden hier auch die rechtlichen Bestimmungen einiger Länder und deren Tücken… In vielen Fällen wurde von staatlicher Überwachung und ‚isolierender‘ Gesetzgebung berichtet, die u.a. durch Verbote oder erschwerende Auflagen bei der An-/Vermietung von Räumen gemeinschaftliches Arbeiten unmöglich macht; Entkriminalisierung ist nicht (unbedingt) das gleiche wie Legalisierung, sondern geht in der Regel mit weiterer Sonderbehandlung, Registrierungen, extra Gesetzen etc. einher; auch das sogenannten Schwedische Modell, bei dem nicht die Sexarbeiter_innen, sondern die Kund_innen sich strafbar machen, wurde problematisiert: weniger Auswahl/Einfluss bei der Wahl der Kund_innen; da die Kund_innen nicht erwischt werden dürfen, muss evtl. von der Straße aus gearbeitet werden; Absprachen müssen schneller geschehen und es kann weniger vorher klargestellt/verhandelt/auf das eigene Gefühl geachtet und für ein sicheres Umfeld gesorgt werden…
Auch diese Stichpunkte können nur einige der kurzen Einblicke andeuten, die ich in dieser Auseinandersetzungen bekommen habe. Da ich selbst keine Expertin bin, ist es nun höchste Zeit, auf solche zu verweisen!

Im Rahmen des Workshops sahen wir einige Ausschnitte aus der Doku „The Honey Bringer: Stories from the Sex Worker Freedom Festival“: „In July 2013, several hundreds sex workers and allies from 36 countries attended the Kolkta’s alternative AIDS conference. Due to travel restrictions banning people who use drugs and sex workers from the U.S territory, and therefore from the International AIDS conference.“

Der Film wurde veröffentlicht von der Sex Worker Open University, einem Kollektiv von Sexarbeiter_innen und Verbündeten aus den UK.

Auf YouTube gibt es zudem den Clip „every ho I know says so” mit “advice for partners, lovers, dates & sweethearts of sex workers”.

Hier findet sich auch der selbstermächtigende Clip “sh*t they say to sex workers”, welcher sich als Teil des Meme (~Running Gag auf Internetplattformen) “shit people say” über oft gehörte dumme Kommentare lustig macht und diese entlarvt.

In einem weiteren Workshop bekamen die Teilnehmer_innen eine erste Kurzfassung der Doku “Fuck with Money” zu sehen, welcher sich derzeit noch in der Produktion befindet; er wurde im Februar 2014 in einem Bordell in Melbourne, Australien, mit queeren Sexarbeiter_innen gedreht.

Das Projekt “voices of women media” zeigte bereits unter dem Titel “A day in her life 2012” in Amsterdam einige Kurzfilme, welche von Sexarbeiter_innen selbstständig produziert wurden. Die Filme sind nicht online verfügbar, aber für Vorführungen möglicherweise erhältlich – vielleicht fragt mal wer nach…?

Zum Schluss noch eine kurze Sammlung von Punkten, die ich mir während des erstgenannten Workshops zum Thema „Support von Sexarbeiter_innen“ gemacht habe:

    - sich bewusst machen, dass es dich etwas angeht
    - eigene Annahmen/Vorurteile hinterfragen
    - sich schlau machen (z.B. mit oben genannten Filmen, Plattformen etc.)
    - Filme und Texte von Sexarbeiter_innen verbreiten
    - mit anderen Menschen darüber sprechen
    - Vorsicht vor Vereinnahmung der Diskussion (z.B. durch Gleichsetzung mit Menschenhandel)
    - entsprechende Organisationen, Aktivist_innen einladen (z.B. von Doña Carmen)
    - kein Applaus für Scheiße – Abwertung von Sexarbeit oder (vermeintlichen) Sexarbeiter_innen nicht unterstützen, nicht unkommentiert lassen
    - im Kopf behalten, dass du nicht weißt, wer um dich herum in der Sexarbeit tätig ist, ohne dass du es weißt

„Sex Work is Work!“ – Sexarbeit ist Arbeit. Das anzuerkennen heißt auch, die (Arbeits-) Rechte von Sexarbeiter_innen anzuerkennen und ist grundlegend für ihre Kämpfen um ein selbstbestimmtes, würdevolles und (vor Polizeiübergriffen, behördlicher Willkür und gesellschaftlicher Ausgrenzung) sicher(er)es Leben und Arbeiten. Diese Kämpfe zu unterstützen heißt auch, sich gegen national-patriarchale Bevormundungen zur Wehr zu setzen und sollte Anliegen queerer_feministischer Bewegungen sein. In diesem Sinne: Für mehr Solidarität mit Sexarbeiter_innen!

PS:
Die fast schon obligatorischen Comiclinks zum Thema! In der Comicreihe Questionable Content ist die Mutter eines Protagonisten ‚professional dominatrix‘; bei Girls with Slingshots eine Bibliothekarin.