Geschlechterkonstruktionen hacken in Magdeburg

Kürzlich hatte ich das Vergnügen, in der les_bi_schwulen Jugendgruppe ComeIn in Magdeburg einen kleinen Vortrag & Workshop zum Thema „Geschlechterkonstruktionen hacken?!“ anzubieten. Für den Vortragsteil hatte ich versucht, komplexe wissenschaftliche Theorie in anschauliche, überschaubare Bild-Skizzen zu übersetzen – gar nicht so einfach, aber besser als reiner Text. Dabei kamen wir schon mal ins Gespräch über Sprachformen und Repräsentanz von Geschlechterbildern und sexuellen Orientierungen in Filmen; außerdem erfuhr ich, dass es in Magedeburg nun auch „Ampelfrauen“ gibt (also leuchtende Figuren mit Rock) …

Beim lebhaften Austausch im Anschluss versuchten wir der Frage nachzugehen, wie und wo wir jeweils Geschlechterkonstruktionen hacken wollen bzw. ob/wo sie uns überhaupt stören. Dabei kamen wir von der Feststellung, dass Haarschnitte für Männer günstiger sind als für Frauen (ungeachtet der Haarlänge), über Schwierigkeiten beim Klamotten- und Schuhkauf (wenn wir andere Präferenzen oder Größen haben als die Regale vorsehen) bis zur lachenden Frau in der Putzmittelwerbung (die dann doch vom Mann mit der magischen Chemie-Keule errettet wird).

Immer wieder stießen wir dabei auf die Schwierigkeit, dass im Hinweisen auf (gemachte) Unterschiede diese auch wieder betont und wichtig gemacht werden – das genaue Hinsehen aber wichtig ist, um die Zusammenhänge zu verstehen und die gemachten Unterschiede abzubauen.

Wie es bei gutem Austausch oft der Fall ist, stellten wir uns auch mehr Fragen, als an einem Abend beantwortet werden konnten: Inwieweit ist geschlechtsneutrales Denken möglich? Wie hängen Geschlechterrollen mit Orientierung und Sicherheit zusammen, wie mit Redeverhalten und (der Wahrnehmung von) aggressivem Verhalten? Wozu muss die Bürokratie mein Geschlecht kennen?! Wir sammelten praktische Ideen, z.B. Kindern (auch) geschlechtsuntypisches Spielzeug zu schenken, bei Umfragen o.ä. ‚männlich‘ und ‚weiblich‘ anzukreuzen und/oder wenn möglich am Ende darauf hinzuweisen, dass dies nicht erschöpfend ist. In diesem Zusammenhang diskutierten wir auch über (historische und aktuelle) Möglichkeiten der Änderungen des Geschlechtseintrags im Personenstandsregister* und über die Forderung der Intersex-Bewegung, Operationen an geschlechtlich uneindeutigen Kindern zu verbieten.
Eine zentrale Frage, die sich aus den Gesprächen ergab war demnach: Wie kann eine Gesellschaft aussehen, in der geschlechtliche Uneindeutigkeit kein Stigma ist und uneindeutige Kinder/Menschen (oder als uneindeutig wahrgenommene) nicht darunter leiden? Und wäre das nicht für alle Menschen von Vorteil?! …

Sicher konnten wir nicht alle Fragen an diesem Abend beantworten, aber es war mir eine Freude, mit so vielen netten Menschen in Kontakt und ins Gespräch zu kommen und gemeinsam diese Auseinandersetzung ein wenig voran zu treiben – herzlichen Dank nach Magdeburg!

*aktuell gibt es z.B. die Kampagne „Dritte Option“ für einen dritten Geschlechtseintrag: dritte-option.de