„Und was ist, wenn MIR das passiert?!“ Zum Umgang mit Grenzverletzungen

„Und was ist, wenn MIR das passiert?!“ – Ein Satz der immer wieder fällt, wenn es darum geht, wie damit umgegangen wird, dass persönliche Grenzen verletzt wurden: also wenn direkt oder indirekt geäußert wird „Dein Verhalten ist mir unangenehm“, „Was du getan hast, hat mich verletzt“ oder „Hör auf damit, ich möchte nicht, dass du so mit mir umgehst.“. Das kann sich auf körperliche, verbale oder nonverbale, also auf ganz unterschiedliche Handlungen beziehen. Persönliche Grenzen und „was zu weit geht“ sind verschieden und können von anderen nicht immer erkannt werden. Wenn wir Grenzen überschreiten und somit Übergriffe begehen, müssen wir das nicht unbedingt merken. Verletzungen finden auch nicht erst dann statt, wenn wir eine_n andere_n verletzen wollen. Ergo ereignen sich mehr oder weniger unangenehme Überschreitungen alltäglich. Oft werden wir nichts davon erfahren, weil wir aus unterschiedlichen Gründen nicht darauf angesprochen werden. Umso wichtiger, manchmal auch umso erschütternder, ist es, wenn übergriffiges Verhalten dann doch angesprochen wird und wir darauf reagieren müssen. Sei es, dass wir selbst verletzt haben, sei es, dass wir als Verantwortliche (z.B. für einen Raum) auf die Verletzungen anderer hingewiesen werden.

Wie dringlich eine Auseinandersetzung mit diesen Situationen ist, zeigt sich an folgender Feststellung: Der Signalsatz mit der Frage nach der eigenen Betroffenheit („Und was ist, wenn MIR das passiert?!“) wird erstaunlicherweise nicht von denen verwendet, die sich von Übergriffen betroffen sehen (im Sinne von „Was kann ich/was können wir tun, wenn meine Grenzen verletzt werden?“) – sondern von denen, die fürchten, selbst Übergriffe zu begehen und darauf angesprochen zu werden. Entgegen der passiven Betroffenheit, die dieser (meist in alarmierendem Ton vorgebrachte) Ausruf suggeriert, müsste es richtiger heißen:

„Was soll ich tun, wenn ich mich grenzverletzend verhalten habe und dann zur Verantwortung gezogen werde?“.

Und damit sind wir auch schon beim Kernpunkt angekommen: es geht um die Übernahme von Verantwortung, für das was wir tun. Egal wie gut unsere Absichten waren, egal ob wir unser Verhalten völlig in Ordnung fanden, egal ob alle anderen sich durch unser Verhalten nicht gestört gefühlt haben, egal wie viele ‚gute‘ Gründe wir dafür hatten, das zu tun. Wir haben eine andere Person verletzt. Das lässt sich nicht wegargumentieren.
Statt also das Problem darin zu suchen, dass das Verhalten angesprochen wird, sollten wir uns klarmachen, dass das Problem schon vorher bestand und in unserem Verhalten lag.

Besonders schwierig kann diese evtl. neue Blickrichtung sein, wenn wir kaum eigene Erfahrungen mit der Verletzung bzw. Wahrung unserer eigenen Grenzen haben. Das kann damit zusammenhängen, dass wir hauptsächlich zu nicht-benachteiligten (sprich: privilegierten) Gruppen gehören (z.B. weiß, männlich, akademisch/bürgerlich, abled-body, …) und/oder, dass wir nicht gelernt haben, unsere eigenen Grenzen zu respektieren (durch gesellschaftlichen Druck, z.B. leidensfähig, aufopferungsvoll, unverletzlich, hart, perfekt, unfehlbar, … sein zu müssen, sowie durch individuelle Erfahrungen). Diese Erfahrungen sind sehr unterschiedlich verteilt; aber allein schon die Einflüsse von gesellschaftlichem Leistungsdruck und Rollenzuschreibungen stehen der Einfühlsamkeit für unsere Bedürfnisse und (vielleicht abweichender) Bedürfnisse anderer im Wege.

Folglich:
Wir alle müssen lernen, auf unsere eigenen Grenzen zu achten, sie zunächst einmal aufzuspüren und immer wieder zu prüfen. UND wir brauchen dringend eine breitere, einfühlsamere Kultur des Grenzen-Respektierens, der Verantwortungsübernahme für die Konsequenzen unseres Handelns; letztlich also eine größere Akzeptanz unserer eigenen Unvollkommenheit, den Verzicht darauf, immer im Recht zu sein und eine Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen. Das heißt, sich selbst immer wieder in Frage zu stellen und gemeinsam mit anderen an einem Umgang zu arbeiten, der das Leben für alle angenehmer macht.

Dass es so schwer gar nicht sein muss und was sich konkret anbietet, zeigt sich z.B. in dem wunderschönen Flyer
„What to Do When Someone Tells you that you violated their boundaries, made them feel uncomfortable, or committed assault.“
Weil er so schön ist, gibt’s inzwischen auch eine Übersetzung im Flyerformat:
Was tun wenn dir Menschen sagen, dass du ihre persönlichen Grenzen verletzt hast, sie sich durch dein Verhalten unwohl fühlen oder du einen Übergriff begangen hast

Als Fließtext findet ihr das ganze im nächsten Blogpost.


1 Antwort auf „„Und was ist, wenn MIR das passiert?!“ Zum Umgang mit Grenzverletzungen“


  1. 1 Mädchenmannschaft » Blog Archive » Wimbledon-Sexismus und Auftragsverlust wegen feministischer Einstellung – die Blogschau Pingback am 13. Juli 2013 um 14:30 Uhr
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