beweg.gründe: Positionen – über.legen?

Wer darf sich wehren?
Wie komme ich dazu, gegen Sexismus zu wettern?
Wo es doch anscheinend keinerlei Anlässe dazu gibt.
Und überhaupt viel Wichtigeres anzugehen ist.
Zumindest aber viele Menschen gibt, denen es viel schlechter geht als mir; wie kann ich es wagen, mich zu beschweren?

Auf meinen Brief, der sich gegen die verletzend sexistischen Darstellungen richtete, welche von UNICUM verbreitet werden, erhielt ich eine Rückmeldung, die mir u.a. Folgendes mitteilte: „Hier“ und „heute“, gerade in Deutschland/Europa, ginge es „uns“ doch gut und Frauen seien „auch als Führungskräfte sehr gefragt“ (na dann …). Ich solle mich nicht so „echauffieren“ und warum manche Leute (aha! Also noch mehr außer mir?) „immer eine Extrawurst brauchen“ (ich bin übrigens Vegetarierin, danke). Nichts Besonderes, eher die Standardreaktion, mit der ich in solchen Fälle rechne. Liebevoll aufgearbeitet in diesem Fall, zugegeben, wenn auch ohne Unterschrift. Es geht mir also („hier“ und „heute“ und als Frau, ergo potenzielle Führungskraft) anscheinend zu gut, als dass ich Unzufriedenheit äußern dürfte …

Gut, reden wir also über Privilegien.
Meine Privilegien sind u.a.: Ich bin weiß. Ich habe gültige Papiere. Ich habe einen Studienabschluss. Vielleicht nicht die besten Jobaussichten, aber auch keine Sorgen um meine materielle Existenz. Ich habe ein Dach überm Kopf und eine Anschrift, bin mit bester(?) Infrastruktur versorgt. Ich habe keine klassifizierten Einschränkungen, Krankheiten. Ich kann mich in den bestehenden Geschlechterkategorien arrangieren (mein Aussehen, mein Name, meine Stimme, usw. ‚passen‘ zu meinem mir offiziell zugeordneten Geschlecht), ich passe in die heterosexuelle Norm. Ich gehöre keiner verfolgten oder angefeindeten (religiösen, politischen, ethnischen, …) Gruppe an. Ich erfreue mich zudem eines wertschätzenden Umfeldes.

Ich platze also fast vor Privilegien (und einige fehlen sicher noch in dieser Aufzählung). Warum, wie komme ich dazu, dennoch davon zu sprechen, dass ich in meinem (ja, europäischen/deutschen) Alltag (ja, 2012) Diskriminierung erlebe? Darf ich das unter meinen sonstigen Voraussetzungen überhaupt? Relativiere ich damit die Erfahrungen, Lebenswirklichkeiten von Menschen, die über weniger Privilegien verfügen?

„Fight your own oppression“ (Freire)

Nochmal: Ich genieße (…?) zahlreiche Privilegien.
Und ich fühle ich mich in Hinblick auf geschlechtsbezogene Strukturen benachteiligt, verletzt, ‚anders‘ behandelt, eingeschränkt.
Warum, wozu in alles in der Welt, sollte ich das für mich behalten? Was hat irgendwer davon, welchen Nutzen hätte es für Menschen mit weniger Privilegien – wenn ich diese Erfahrungen von Unterdrückung verschweige? Ich bin der Meinung: Nichts. Keinen. Ganz im Gegenteil: Durch diese Auseinandersetzung komme ich erst dazu, mich auch mit meinen Privilegien zu beschäftigen, sie mir einzugestehen. Einen Vorteil aus meinem Schweigen ziehen würde nur – … wer?

Erhebe ich mich über andere, indem ich mich gegen meine eigene Unterdrückung zur Wehr setze? Behaupte ich etwa, dass mein Leid wichtiger, schwerwiegender sei, als das von anderen? Nichts dergleichen liegt mir im Sinn; keine Form der Unterdrückung kann oder soll über eine andere gestellt werden. Schon gar nicht sollen sie gegeneinander ausgespielt werden. Ich stelle mich nicht über andere. Egal von welchen Privilegien sie profitieren und von welchen nicht. (→ Darin liegt die Bescheidenheit meiner Position.)
Aber ich will auch nicht dulden, dass manche Menschen sich über andere stellen. Diesen stelle ich mich entgegen – denen, die ihre eigenen Privilegien nicht sehen wollen, die auf ihre erhöhte Position beharren. Ich stelle mich neben die, denen es genauso geht wie mir (als Verbündete) oder hinter diejenigen, denen ich eine ally sein will, die ich in ihrem Widerstand unterstütze (z.B. indem ich mir meine Privilegien vor Augen halte und sie nicht länger als selbstverständliche Normalität behandle). (→ Darin liegen die Zumutung, die Unverschämtheit und der Wagemut meines Handelns.)
Aber über andere will ich mich nicht stellen. Ich setze mich für meine eigenen Belange ein und unterstütze den Widerstand anderer.

subjektiv, mehrfach, gemeinsam
Ich spreche nur für mich und ich kann nur für mich sprechen.

Ich beklage, dass ich mich sexistisch behandelt fühle, aus meiner ansonsten privilegienreichen Position. Ich weiß nicht, was Sexismus für Women of Color bedeutet, für Frauen, die mit abelism konfrontiert sind, usw. Ich erlebe nur eine einzige Perspektive. Daher kann ich nur für meine eigene Lage Forderungen stellen, nur aus meiner Perspektive formulieren. Kann anderen nicht absprechen, für ihre Wahrnehmung, ihre Realität Partei zu ergreifen. Diskriminierungen sind keine Einbahnstraßen; allein darum wäre es unsinnig, sie hierarchisieren zu wollen: ‚Intersektionalität‘ – mehrere Diskriminierungen, mehrere Privilegien greifen ineinander und bedeuten demnach Unterschiedliches für Unterschiedliche (Unterschiedene?).

Ich wehre mich also gegen die Ungerechtigkeiten, die mir selbst zuteil werden (→ ein Teil von mir werden), denn sie betreffen mich und mit ihnen kenne ich mich aus; ich kann nur für mich sprechen und nur ich kann für mich sprechen. Mein Zur-Wehr-setzen richtet sich gegen Sexismus im Speziellen und gegen unterdrückende, ausgrenzende, diskriminierende, verletzende Systeme im Allgemeinen.

„Ich merke, daß ich das Richtige gesagt habe; Sie fühlen sich getroffen“ (Waltraud Schoppe)
Wer mir also vorschreibt, ich solle mich nicht gegen Sexismus zu Wort melden – weil es „uns“, „hier“ und „heute“ doch gut ginge – ignoriert nicht nur, welchen Zumutungen und Ausgrenzungserfahrungen verschiedenster Art Menschen gerade „hier“ und „heute“ ausgesetzt sind (nicht zuletzt durch Ignoranz); er (ja, ich unterstelle die nicht unterzeichnete Stellungnahme einem Mann, s.u.) offenbart auch, dass er sich noch keinen Deut mit Privilegien, Benachteiligungen und dementsprechend unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten beschäftigt hat – sich mit großer Sicherheit nicht damit beschäftigen musste, weil er so umfassend mit Privilegien ausgestattet ist, dass sie ihm noch nie aufgefallen sind … (diese nicht zu sehen ist mit das größte Indiz für Privilegiertheit …).

Seid mir also nicht böse, wenn diese Empörung an mir abprallt.
Mich in meine Schranken verweisen zu lassen
von jemandem, der sich über mich und meine Erfahrungen von Ungleichbehandlung stellt,
um selbst ungestört sein Bessergestelltsein genießen zu können …
das
habe ich nicht nötig.

[Übrigens: Vielleicht empfindet ihr es als be.schwer.en – für mich ist es eher ein er.leicht.ern … ]


1 Antwort auf „beweg.gründe: Positionen – über.legen?“


  1. 1 hikE 09. Januar 2013 um 21:44 Uhr

    Nachvollziehbar und die Worte gut in ihre Bedeutungen zerlegt.

    Danke Dir für diesen sehr genau hinschauenden Text.

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